Kolonialkochbücher

wir haben noch in keinem Sprachlehrbuch, in keinem Lesebuch, das neben der Grammatik und dem Wortschatz einer Fremdsprache auch Einblick in die Kultur des betreffenden Sprachraumes geben soll, Angaben oder gar konkrete Einzelheiten zur Kochkunst gefunden, die Wie die Volksmusik oder der Möbelstil tragende Elemente einer Kultur sind.

Sieht man Kolonisation als Konflikt und Begegnung zweier Kulturen an, wo eine technisch und organisatorisch überlegene Macht Ihre staatliche Ordnung , ihre Verwaltung und ihre wirtschaftlichen Interessen einem anderen Territorium aufzwingt, so vermittelt sie dabei auch der unterworfenen Bevölkerung neue Kulturpflanzen und andere materielle Kulturgüter. So teilte die römische Verwaltung in besiegten Gallien und Germanien ihren ausgedienten Soldaten "herrenloses" Land zur bebauung zu. Die Begriffe Colonia wie auch cultura leiten sich von dem Verbum colere ab, "Land bearbeiten, urbar machen, ausbilden" ; Kultur bezeichnet sowohl landwirtschaftliche Produktion als auch geistige Werte. Die Kolonisten, die Landbebauer, brachten neben dem importierten Wein, Olivenöl, Hartweizen , Bronze- und Glasgefäßen auch den Weinbau und den Steinbau mit Murus, tectum und tegula. Wo sie sich in Gruppen zusammentaten, entstanden die Coloniae, so 50 nach Chr. Die Colonia Agrippinensis bei den akkulturierten Ubiern auf dem westlichen Rheinufer. Die heutigen Kölner schämen sich des Namens ihrer Stadt und ihres Lieblingsgetränkes nicht.

Im 8. Jahrhundert brachten die marokkanischen Eroberer im Verein mit arabischen, persischen und jüdischen Gelehrten die Medizin, die Bewässerungstechnik, Zuckerrohr und Zitrusfrüchte nach Hispanien. Die Osmanen schenkten Westeuropa 1683 unfreiwillig den Kaffee und die Halbmonde aus Blätterteig, die Croissants.

Der Ursprung und die Migration der Kulturpflanzen, von Nahrungsmitteln und Gewürzen ist Kulturgeschichte, hat Weltgeschichte geschrieben und ist wohl interessanter als die sinnlosen Kriege der durchnummerierten Könige und Kaiser.

Bei der Suche nach dem kulinarischen Einfluss der deutschen Kolonialbeamten, Missionare und Kaufleute auf die Essgewohnheiten der Kameruner sind wir auf keine nennenswerten Ergebnisse gestoßen mit Ausnahme von Schnaps oder billigem Rot-, Süß- und Schaumwein, über deren Schäden es sogar eine Reichstagsdebatte gegen den Hamburger Reeder Adolf Woermann gab. Die bis in die Gegenwart reichende Polemik, die den Afrikanern das Recht absprach und abspricht, zu kaufen was sie für notwendig hielten, rechnet dagegen nicht auf, dass der Hauptteil der in den Golf von Guinea gelieferten Handelsgüter schon in der Vorkolonialzeit Textilien waren, voran Lendentücher für Männer und Frauen(laba laba) und Hemden (singletf) auch sowie Werkzeug und Haumesser und "Kochgeschirr" waren. Die geographischen und Handelszeitschriften detaillieren diese nicht, doch ist bekannt dass schon früh eiserne Kochtöpfe, Teller aus Blech und email sowie stählerne Küchenmesser und Löffel importiert wurden . Sie ersetzen bald völlig die Ess-Schalen aus Kalebassen und gebranntem Ton sowie die aus Kalebassen oder weichem Holz geschnitzten Esslöffel. Tessmann berichtet, dass die wanderlustigen Ewondo stets ihren Löffel im der Reisetasche hatten. Hingegen unterliegt keinem Zweifel, dass alle heutigen Kultur- und Exportpflanzen von Kamerun durch die 1891 gegründete Kaiserliche Versuchsanstalt und den Botanischen Garten von Viktoria, heute Limbe und durch die Versuchsanbauten der Bezirksamtmänner und Kaufleute gegangen sind

Wegen des ungesunden Klimas und der hohen Sterblichkeitsquote war die koloniale Gesellschaft bis zur Jahrhundertwende eine fast ausschließliche Männergesellschaft. Dank medizinischer Forschung zur Bekämpfung und Prophylaxe der Malaria konnten nach der Jahrhundertwende auch Frauen und Kleinkinder nach Kamerun kommen. Dies entsprach dem Wunsch des Reichskolonialamtes, das die natürlichen Verbindungen mit einheimischen Frauen verurteilte : sie wurden zwar nicht bestraft, waren aber verpönt. Nun konnte sich auch in der Kolonie ein normales Familienleben entfalten, so musste auch ein Kochbuch her, das den Mangel an gewohnten Zutaten durch lokale Ressourcen beheben konnte. In dieser Situation entstanden zwei Kolonialkochbücher, welche die Hausfrau bei der Bewältigung der ärgsten Probleme helfen

sollten: das Fehlen von Kartoffeln, die durch einheimische Knollengewächse wie Yams, Macabo, Taro und den blausäurehaltigen Maniok zu ersetzen waren ;

das Fehlen der Handwerksbetriebe der Metzger und Bäcker und das von Schwarzbrot;

- das rasend schnelle Verderben von eiweißhaltigen Produkten und Zubereitungen in dem feucht-schwülen Klima Tropenklima und das Fehlen von Kühlung, nur in Douala gab es eine kleine Eisfabrik, die aber vordringlich das Regierungskrankenhaus belieferte.

Die primitiven Zubereitungen, in denen neben salz und Pfeffer kaum Gewürze vorkommen außer Packungen von "Gewürzmischung für die Wursterei", erinnert stark an die schlichte und deftige Küche der Henriette Davidis (1845, bis 1952 laufend neu herausgegeben). Fast scheint, als habe Brandeis deren Rezepte für die Gemüse und Früchte der feuchten Tropen und für typisch deutsche Zubereitungen wie Kaltschale, Bowle, Gelee oder Auflauf umgeschrieben.

Eigentlich ist es schade, dass die Bemühungen um die Nutzung von Ressourcen in einem längst vergessenen Buch eingeschlossen bleiben. Mit der laufenden Steigerung der Lebensqualität gerade in Kamerun, werden auch dessen findige Bewohner wieder auf die alten Bücher stoßen um dort Anregungen für die Lebensmittelindustrie suchen wie auch Rezepte, die ohne besonderen Aufwand die gewohnte Küche verfeinern können.

Die französische Mandatszeit hat das Stangenbrot, die Baguette ins Land gebracht, auch die Überlandtaxis bringen Kartons voll in die Dörfer an den Straßen. Die Kinder genießen es als Leckerbissen wie die unseren einen Kuchen.

Nur zögerlich probierten zu Beginn der Unabhängigkeiten die Kameruner Bevölkerungen Lebensmittel und

Zubereitungen wie Salat (white man chop grass lek goat im Pidgin), Käse (le lait pourri des Blancs), bis dann die althergebrachten Faktoreien (SCOA-sardine im Gegensatz zu SCOA-auto), wo Cassoulet in Dosen, gebündelter Stockfisch, Wax-Stoffe (pagnes) auf niedrigen Tischen lagen wie beim aldi, von Supermärkten mit Kühlvitrinen abgelöst wurden. Da nahezu alle erwachsenen Afrikaner eine Lactoseunverträglichkeit aufweisen, war die Entdeckung des verträglichen Yoghurts in den siebziger Jahren ein Ereignis: junge bana-bana verkauften nun die praktischen Becher aus der Kühlbox auf dem Fahrrad als Erfrischung vor den Toren des Fußballstadiums. Auch der Salat, insbesondere der gemischte Salat mit Avocados, saftigen Zwiebelringen und harten eiern in den kleinen Restaurants und Garküchen von Dakar, Bamako und bei "Aide-Maman" entlaste einmal Mama) in den Kameruner Städten schmecken einfach köstlich.

Eine eigenständige afrikanische Küche hat sich allenfalls in Senegal und Benin entwickelt. Berühmt sind der senegalesische Tiébodienne (Gebratener Fisch mit Bruchreis und Gemüsen) und das Poulet yassa(Huhn mit Zwiebeln und Zitronensaft) oder die Maquis von Abidjan, "informelle" Restaurants in einem Hinterhof mit Bänken und Tischen in der Art eines deutschen Biergartens, wo die unvergesslichen poulets-athlète, freilaufende, magere, am Spieß gebratene Hähnchen mit Salat und Fritten serviert werden ; die fundamentalistischen Lebensmittelinspekteure der Europäischen Union würden vor Schreck tot umfallen, die Gäste der Maquis bleiben gesund und munter. .

Unvergesslich ist auch das "Ministère du soya" in der Briquetterie von Yaoundé, wo die Haussa (die Schlachterei ist das Monopol von Muslimen) soya feilhalten, kleine Fleischspießchen, in scharfgewürzten Erdnussbröseln gewälzt, die über umfunktionierten Öltonnen gegrillt und geräuchert werden ; Nach Mitternacht trifft man dort bisweilen auch Minister und ausländische Diplomaten, hemdsärmelig und inkognito.

Über die nigerianische Volksküche wollen wir den Mantel gütigen Vergessens decken.

In allen großen Städten Afrikas stehen die großen Sternehotels internationaler Hotelketten mit französischen, deutschen und Schweizer Chefköchen, die eine wenig aufregende internationale oder französische Küche praktizieren, deren Höhepunkt Sekt aus dem französischen Departement Champagne gilt. Die Preise der Menus und der Flasche Sekt entsprechen oft dem Monatsgehalt eines Arbeiters oder einer Angestellten.

Aus den Kolonialkochbüchern ist anscheinend wenig hervorgegangen. Für die Neuzeit hingegen kann man als bestes ein übersichtlich aufgemachtes Werk empfehlen : La cuisine aux pays du soleil (Bar-le-Duc, Imprimerie et Editions Saint-Paul, 1976, 308pages.

Miam miam...

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Bibliographie

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Antonie Brandeis: Kochbuch für die Tropen. Berlin, dietrich Reimer, 1907, 4. Auflage 1939

Kolonial-Kochbuch, herausgegeben im Auftrage des kolonialwirtschaftlichen Komitees,Band 18, Süsserotts Kolonialbibliothek,

Berlin, o.J. (vor 1914), Wilhelm Süsserott mit einem Vorwort von Olga Rosenberg, geprüfte Kochlehrerin der Kochschule des Pestalozzi-Fröbelhauses.

Elisabeth Andersen, Die feine Tropenküche, Hamburg 1939

Vorhanden in der Bibliothek des Deutschen Kochbuchmuseum Dortmund

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